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Wenn man ein Buch wie dieses schreibt, bewegt man sich stets auf einem schmalen Grat zwischen zwei Welten: der Welt der persönlichen Beobachtungen, Reflexionen und Erfahrungen einerseits und der Welt der wissenschaftlichen Daten, Studien und überprüfbaren Fakten andererseits. Beide Welten sind unverzichtbar. Würde man ausschließlich aus dem eigenen Empfinden und Erleben schöpfen, bliebe ein Werk über Ernährung, Gesundheit und die Einflüsse der Lebensmittelindustrie angreifbar, subjektiv und nur bedingt belastbar. Genauso jedoch würde ein rein faktenbasiertes, zahlenlastiges Werk trocken wirken, leblos und ohne jene emotionale Tiefe, die den Leser wirklich erreicht. Erst in der Verbindung beider Ebenen entsteht ein Text, der sowohl Herz als auch Verstand anspricht.Die Quellen spielen dabei eine besondere Rolle. Sie sind nicht bloß ein formales Anhängsel, das dem Text Seriosität verleihen soll, sondern bilden vielmehr das Fundament, auf dem alles steht. Man könnte sagen: Sie sind wie eine unsichtbare Architektur unter der sichtbaren Oberfläche. Wer sich beim Lesen fragt: „Woher weiß er das?“, erhält durch die Quellen eine Antwort. Sie machen die Aussagen nachvollziehbar, überprüfbar, belastbar – und sie laden zugleich dazu ein, selbst weiterzugehen, den Spuren zu folgen, neue Perspektiven zu entdecken und sich nicht allein auf den Autor zu verlassen.Doch in diesem Buch finden sich diese Quellen nicht in Form langer Fußnoten oder seitenlanger Literaturverzeichnisse. Die Entscheidung, sie auszulagern, mag zunächst wie eine Frage des Platzes wirken – und tatsächlich spielt dieser Aspekt eine Rolle. Aber in Wahrheit steckt mehr dahinter: Es geht um den Charakter des Buches, um seine Lesbarkeit, um den Fluss des Textes. Ein Werk, das zwischen persönlicher Erzählung und wissenschaftlicher Präzision vermittelt, darf nicht ständig durch hochgestellte Zahlen und kleingedruckte Verweise unterbrochen werden. Der Lesefluss würde jedes Mal gebremst, die innere Konzentration gestört. Anstatt sich von den Gedanken tragen zu lassen, müsste der Leser immer wieder aussteigen, um Kleingedrucktes am Seitenende zu entziffern.
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Gerade weil es mir wichtig war, dass dieses Buch nicht wie ein trockenes Lehrwerk wirkt, habe ich mich bewusst gegen diese Form entschieden. Der Text sollte lebendig bleiben, leicht lesbar, auch poetisch an manchen Stellen. Er soll berühren, inspirieren, nachdenklich machen – und das gelingt nur, wenn man ihm Raum gibt. Die Quellen sind damit keineswegs verschwunden, sondern bewusst in den Hintergrund verschoben. Wer will, kann sie jederzeit nachschlagen. Doch wer einfach nur lesen und sich vom Gedankenfluss tragen lassen möchte, kann dies tun, ohne von ständigen Unterbrechungen gestört zu werden.Diese Entscheidung spiegelt auch ein größeres gesellschaftliches Thema wider: die Überlastung durch Informationen. Wir leben in einer Welt, in der beinahe alles dokumentiert, verlinkt und überprüfbar sein muss. In gewisser Hinsicht ist das großartig, weil es Transparenz schafft. Doch gleichzeitig führt diese permanente Dokumentation zu einer Art Erschöpfung. Auch im Bereich Ernährung erleben wir dieses Phänomen: Wir verlieren uns in Kalorienangaben, Nährstofftabellen und wissenschaftlichen Details, anstatt wieder ein Gefühl für das Wesentliche zu entwickeln – dafür, was Nahrung bedeutet, wie sie uns nährt, was sie in uns auslöst. Das Buch wollte genau diese Balance finden: auf Fakten gegründet, aber nicht im Zahlenrauschen ertränkt.
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Ein weiterer Grund für die Auslagerung der Quellen ist die Ehrlichkeit. In vielen Büchern stößt man auf seitenlange Literaturverzeichnisse, die mehr beeindrucken als tatsächlich nützen. Sie sollen Autorität ausstrahlen, erwecken den Eindruck großer Gelehrsamkeit – aber wie viele Leser blättern dort wirklich nach? Meistens bleiben diese Verzeichnisse ungenutzt. Ich wollte bewusst einen anderen Weg gehen: nicht den Schein der Gelehrsamkeit erzeugen, sondern eine echte Einladung schaffen, selbst weiterzuforschen. Der Leser soll frei entscheiden, ob er tiefer in die Materie eintauchen möchte.Damit verbunden ist eine weitere Haltung: Dieses Buch beansprucht nicht, die endgültige Wahrheit zu liefern. Es versteht sich vielmehr als Teil einer offenen Debatte, als ein Beitrag zu einem Gespräch, das sich fortwährend entwickelt. Die ausgelagerten Quellen sind in diesem Sinn Tore zu weiteren Wegen, zu weiterführendem Wissen. Sie zeigen, dass man nie am Ende ist, sondern immer weiterlesen, weiterdenken, weiterfragen kann.
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Zugleich war es mir wichtig, das Buch nicht als bloße Sammlung von Belegen und Nachweisen erscheinen zu lassen. Mein Ziel war eine Erzählung, eine Einladung, ein Stück Aufklärung, das den Leser auch emotional erreicht. Quellen sind in diesem Zusammenhang ambivalent: Sie stützen zwar die Argumentation, können aber auch wie Mauern wirken, die das Erzählerische blockieren. Indem ich sie ausgelagert habe, konnte ich den Text offenhalten, frei fließen lassen, ohne dabei auf die Seriosität zu verzichten, die ihnen innewohnt.Diese Entscheidung ist auch eine Art Metapher für das gesamte Projekt „Food Unplugged“. Der Begriff „unplugged“ steht für ein Loslösen von der Überfrachtung, vom ständigen Rauschen, von der Informationsflut, die uns begleitet. „Unplugged“ heißt nicht, ohne Fundament zu sprechen oder willkürlich zu argumentieren. Es bedeutet vielmehr, die Fakten im Hintergrund wirken zu lassen, ohne sie ständig nach vorn zu zerren. Genau wie beim Musikkonzept „unplugged“, das den Kern eines Stücks freilegt, ohne ihn mit elektronischem Lärm zu überlagern, soll auch dieses Buch den Kern der Ernährung und des Essens freilegen – getragen von Wissen, aber nicht erdrückt von Belegen.
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Die zentrale Botschaft lautet daher: Quellen sind wichtig, ja sogar unverzichtbar, doch sie dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Man muss wissen, wann man sie in den Vordergrund stellt und wann man sie im Hintergrund wirken lässt. So wie gutes Essen nicht nur aus Kalorien besteht, sondern auch aus Sinneseindrücken, Aromen und Emotionen, so besteht gutes Schreiben nicht nur aus Nachweisen, sondern ebenso aus Erzählung, Bildern und Gedanken.Natürlich mag mancher Leser skeptisch fragen: „Kann ich diesem Text vertrauen, wenn ich die Belege nicht direkt sehe?“ Die Antwort darauf liegt in der Haltung des Autors. Vertrauen entsteht nicht allein durch Fußnoten, sondern durch die Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, mit der gearbeitet wurde. Dieses Buch ist das Ergebnis monatelanger Auseinandersetzung mit Fachliteratur, wissenschaftlichen Studien, praktischen Erfahrungen und kulturellen Beobachtungen. Es ist kein Schnellschuss, keine lose Sammlung von Meinungen. Wer nachschlagen will, findet die Quellen jederzeit. Doch wer lesen will, darf dies ungestört tun – mit der Sicherheit, dass der Boden der Fakten vorhanden ist, auch wenn er nicht ständig sichtbar ist.
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Vielleicht liegt in dieser Auslagerung sogar ein kleines Geschenk: die Freiheit des ungestörten Lesens. Der Leser darf das Buch als Erzählung aufnehmen, sich darauf einlassen, ohne ständig aus dem Gedankenfluss herausgerissen zu werden. Gleichzeitig bleibt die Möglichkeit, tiefer einzusteigen, jederzeit bestehen. Es ist ein doppeltes Angebot: Leichtigkeit für den Moment und Tiefe für den, der sie sucht.So wird die Abwesenheit der Quellen im eigentlichen Buch nicht zu einem Mangel, sondern zu einem besonderen Charaktermerkmal. Sie sind da, nur eben im Hintergrund. Man kann sie sich wie ein sicheres Fundament vorstellen, auf das man zurückkehren kann, wann immer man es möchte. Und so wie ein gutes Fundament ein Haus trägt, ohne sichtbar zu sein, so tragen die Quellen dieses Buch, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
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Im Kern also geht es um Balance. Balance zwischen Substanz und Lesbarkeit, zwischen Tiefe und Leichtigkeit, zwischen Wissenschaft und Erzählung. Es ist dieselbe Balance, die auch in der Ernährung zählt: Nahrung ist nicht bloß eine Summe aus Kalorien und Nährstoffen. Sie ist auch Kultur, Erfahrung, Sinnlichkeit, Gemeinschaft. Genauso ist auch dieses Buch nicht bloß eine Aneinanderreihung von Fakten, sondern ein Versuch, all diese Ebenen miteinander zu verweben.Die Quellen existieren, sorgfältig gesammelt, strukturiert, bereitgestellt – aber sie bleiben dort, wo sie am besten wirken: als Grundlage im Hintergrund. Sie sind ein Versprechen von Seriosität, aber auch ein Zeichen von Respekt vor dem Leser. Denn am Ende entscheidet dieser selbst, wie er das Buch lesen will: als Reise in Gedanken und Geschichten oder als Ausgangspunkt für eigene Forschung.
Genau darin liegt die Essenz: Quellen sind wie das Salz in der Suppe – unverzichtbar, aber unsichtbar im Geschmack, wenn sie richtig eingesetzt sind. Und so wie gutes Kochen eine Balance erfordert, verlangt auch gutes Schreiben ein Gespür für Maß und Wirkung. Mit der bewussten Verlagerung der Quellen habe ich versucht, genau diese Balance zu wahren.


